Island und der Crash

Ist ja ein schönes Land, in dem seit neuestem die drei grössten Banken verstaatlicht sind.

Da passt es gut, dass der aktuelle Focus auf Seite 224 über die Auswirkungen der Finanzkrise dort berichtet. Noch schöner, wenn man kurz zuvor, auf Seite 57, inmitten eines Berichtes über die Expo Real in München, von einer ganzen Seite mit folgenden Slogans angelacht wird:

Zinsen auf hohem Niveau. Vertrauen auf lange Sicht.

Gut ist auch der Spruch:

Bis 2012 garantiert über dem EZB-Leitzins

Na, wer wars? Nicht die Schweizer, nein eine Werbung der Kaupthing Bank aus Reykjavik.

Die Kunden bangen derzeit weiter.

Die beste Erklärung, warum die Isländer sich beim grossen Spiel verhoben haben, gibt es hier: Einfaltsinsel Island:

Wie konnte es nur dazu kommen? Die üblichen Schuldzuweisungen zwischen den betroffenen Ministerialressorts und Parteien wurden bereits ausgetauscht. Das zu verfolgen mag man je nach persönlicher Betroffenheit und Lebenseinstellung traurig oder komisch finden. Doch wer tiefer in der isländischen Kultur und Geschichte nach Gründen für die aktuelle Misere sucht, entdeckt etwas, das allen Europäern bekannt vorkommen könnte: den Wunsch, modern zu sein und in einer globalisierten Welt zu den Gewinnern zu gehören – gepaart mit der Unfähigkeit, sich von traditionellen Mustern zu lösen.

Ein Land, das 300.000 Einwohner hat und trotzdem alle Aufgaben einer modernen arbeitsteiligen Nation übernehmen muss, hat ein Problem. Im Gegensatz zu Deutschland, wo oft das Fachidiotentum beklagt wird, hat Island ein Problem mit dem Dilettantismus. Die Menschen sind fleißig und tatkräftig, übernehmen aber manchmal Aufgaben, von denen sie einfach nichts verstehen. Der jetzige Ministerpräsident war früher Außenminister und auch mal Finanzminister – zu der Zeit, als der Notenbankchef, der zwischendurch auch mal Außenminister war, Ministerpräsident war und der jetzige Finanzminister das Amt des Fischereiministers bekleidete. Diese nun wirklich ländliche Art von Vetternwirtschaft war der Aufsicht von international agierenden Banken nicht gewachsen. Das System funktionierte, solange die wenigen wichtigen Akteure allesamt in Reykjavik wohnten und sich früher oder später ohnehin auf einer Konfirmation oder im Theater über den Weg liefen. Doch in dem Moment, in dem so einflussreiche Männer wie Landsbanki-Chef Björgolfur Thor Björgolfsson nach London zogen, konnte soziale Kontrolle die institutionelle nicht mehr ersetzen.

Außerdem bringen Überwachen und Regulieren den Isländern einfach keinen Spaß. Die Erinnerung an die risikofreudigen Vorfahren, die vor über 1000 Jahren Skandinavien verließen, um auf einer unwirtlichen Insel mitten im Atlantik ein freies Leben fern von mittelalterlichen Feudalherren zu führen, ist immer lebendig geblieben – wenn man sich von Obrigkeiten reinreden lassen wollte, hätte man ja gleich in Norwegen bleiben können.

Traurig, aber wahr.